Wandern Bergtour ohne Tortur

Unfälle oder Schreckmomente am Berg lassen sich vermeiden, wenn man über Schwierigkeitsgrade und Markierungen der Wanderwege Bescheid weiss. Und sich gut vorbereitet.

 

 

 

pd. Schwierigkeitsgrad T4 war dann wohl doch ein bisschen zu viel des Guten. Das merkten die Frauen spätestens, als die eine weinend und zitternd in der Felswand hing und die andere innerlich schrie, aber äusserlich versuchte, Ruhe auszustrahlen. «Alles in Ordnung, halt dich einfach fest, wir schaffen das», sprach sie der Freundin gut zu. Und betete leise, dass alles gut enden würde.

Es gebe ein paar «leicht ausgesetzte Stellen», hatte es im Wegbeschrieb geheissen. Eine senkrechte Felswand, die 150 Meter in die Tiefe fällt und über die sie hinabsteigen sollten, hatten die nicht unsportlichen, aber auch nicht besonders erfahrenen Berggängerinnen allerdings nicht erwartet.

Die Berg- und Alpinwanderskala des Schweizer Alpen-Clubs (SAC) umfasst die Grade T1 bis T6 (siehe Tabelle unten). T1 sind einfache Wanderwege, die gelb markiert sind und keine besonderen Anforderungen stellen. Bergwanderwege (T2 und T3) sind weiss-rot-weiss gekennzeichnet. Zum Teil führen sie durch unwegsames Gelände und weisen exponierte Stellen auf. T4 bis T6 sind so­genannte Alpinwanderwege (weiss-blau-weiss). Auf diesen müssen Schneefelder, Gletscher oder Geröllhalden überwunden und oft heikle Stellen in Kletteraktionen gemeistert werden. Die Wegmarkierungen für unterschiedliche Schwierigkeitsgrade sind teilweise identisch. Wer eine Bergwanderung oder eine Alpintour plant, sollte sich deshalb vorher erkundigen, wie der Weg eingestuft ist.

Eine gute körperliche Verfassung sowie absolute Trittsicherheit und Schwindelfreiheit sind auf den Routen mit den drei höchsten Schwierigkeitsgraden Voraussetzung, ebenso Erfahrung im Gebirge. Das hätten die zwei Berggängerinnen, die in der schroffen Felswand Schreckmomente erlebten, wissen müssen. «Alpinwanderwege sind anspruchsvoll und für Ungeübte oft schwierig», sagt Christian Frischknecht, Bergführer und Bereichsleiter Bergsport und Jugend beim SAC. «Eine T4-Wanderung kann bei schlechtem Wetter schnell schweinegefährlich werden.» Rund 6500 Personen verunfallen jährlich beim Bergwandern, 30 davon tödlich.

Die Hüttenwartin, bei der sich die beiden Freundinnen als blutige Anfängerinnen zu erkennen gegeben hatten, warnte sie nicht genügend vor der anspruchsvollen Passage. «Für mich ist es nicht schwierig. Aber wenn ihr merkt, dass es euch nicht wohl ist dabei, kommt ihr einfach wieder auf dem gleichen Weg zurück», sagte sie bloss. Schön und gut, nur das mit dem «Zurück» erschien den beiden Frauen mitten in der Wand alles andere als einfach. Das gemütliche Wochenende im Berner Oberland drohte zum Alptraum zu werden. Mit schlotternden Knien und nervlich ein klein wenig am Ende kamen sie schliesslich doch noch heil herunter.

Aber das Erlebnis führte ihnen deutlich vor Augen: Planen lohnt sich. Wer selten in die Berge geht, sollte sich vielleicht nicht gleich als Erstes auf eine zweitägige Tour durch hoch­alpines Gelände wagen. Selbst wer gut zu Fuss ist und vor allen Dingen schwindelfrei, tut gut daran, nicht gleich mit der dritthöchsten Schwierigkeitsstufe einzusteigen.

Angst ist nicht berücksichtigt

«Die Schwierigkeitsskala T1 bis T6 ist eine rein technische Zusammenstellung», erklärt Bergführer Christian Frischknecht. Sie gebe über das Gelände und die Voraussetzungen zur Bezwingung desselben Auskunft. Psychische Faktoren wie zum Beispiel Höhenangst finden in der SAC-Skala keinen Niederschlag: «Bei jedem Menschen setzt der Schwindel woanders ein, das muss jeder selber beurteilen», sagt Frischknecht. «Wer nicht schwindelfrei ist und vor ausgesetzten Stellen Angst hat, muss sich vorab gut über die Situation auf der Tour informieren.»

Quelle: Beobachter Natur

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