Im Frühling waren die Fabriken des italienischen Berg- und Skischuhherstellers Scarpa 80 Tage lang dicht. Jetzt bleiben vielerorts auch noch die Pisten zu. Doch das Familienunternehmen profitiert von einem anderen Trend.

Ulrike Sauer, Der Bund

Wandern, laufen, klettern – die Familie Parisotto lebt vom Bewegungsdrang der Menschen. Mehr als eine Million Bergschuhe stellte ihr Traditionsunternehmen Scarpa, gelegen in Asolo am Fuss des Monte Grappa, 2019 her. Am südlichen Rand der Dolomiten, von wo aus Scarpa seit 82 Jahren Gipfelstürmer, Extremsportler, Climbing- und Trekkingfreunde ausstattet, sind die Alpen zum Greifen nah.

Für viele Wintersportler sind die Berge aber derzeit in unerreichbarer Ferne. In den meisten Ländern Europas wird es Skiurlaub vorerst nicht geben. Für Sandro Parisotto (61) ist das dennoch kein Grund, sich aufzuregen. «Natürlich freuen mich die Verbote nicht, aber die Folgen für Scarpa sind minimal», sagt der Unternehmer aus dem Veneto.

Parisotto, ein Spross der zweiten Generation des Outdoorspezialisten, ist ein typischer Vertreter des italienischen Familienkapitalismus. Flexibel, innovativ, exportstark. Sein Unternehmen bietet 180 Produkte an, investiert fünf Prozent der 110 Millionen Euro Umsatz in die Forschung. Im Frühjahr waren die Fabriken 80 Tage geschlossen. Parisotto hatte seine 1500 Mitarbeiter schon vor dem Lockdown nach Hause geschickt. Als die Herstellung im Mai langsam wieder anlief, fehlten 30 Prozent der Jahresproduktion. Heute sagt der Firmeneigentümer: «Man muss positiv denken, gerade in kritischen Lagen.»

Ein irischer Adliger gründete die Firma

Ihm scheint das nicht schwerzufallen, trotz der heftigen zweiten Infektionswelle und der Schliessung der Wintersportgebiete. Zum einen hat Scarpa viele Waren längst ausgeliefert. Doch es gibt auch einen Trend, den Parisotto seit dem Ausbruch der Corona-Krise beobachtet. «Es gehen immer mehr Leute wandern», sagt er.

Optimismus gehört seit den Ursprüngen des Unternehmens zu Scarpa. Das Unternehmen wurde 1938 von Lord Rupert Edward Cecil Lee Guinness gegründet. Der Adlige aus der irischen Bierbrauerfamilie hatte sich am Fuss der Alpenkette in Asolo niedergelassen. Um der damals bitterarmen Gegend einen Impuls zu geben, eröffnete Lord Guinness gemeinsam mit dem Pfarrer und dem Bürgermeister eine Schuhfabrik. Das Trio entschied sich für den Firmennamen «Società Calzaturieri Asolani Riuniti Pedemontana Anonima» – abgekürzt Scarpa, das italienische Wort für Schuh. 1956 verkaufte der Lord die Firma dann an Parisottos Onkel.

Scarpa stellte damals im Jahr 10’000 Paar Bergschuhe her. Anfang der Neunzigerjahre stieg die zweite Generation in das Unternehmen ein und trieb die Eroberung der internationalen Märkte voran. Heute werden 80 Prozent der Schuhe exportiert.

Das Unternehmen schlug sich auch im Krisenjahr 2020 wacker. Während des Lockdown sprang Scarpa für den Staat ein und überwies den Mitarbeitern das Kurzarbeitsgeld, denn die Nothilfen der Regierung kamen erst nach Monaten bei den Empfängern an. Nach dem Neustart glich man dann den Produktionsausfall im Sommer grösstenteils aus. Die Ferienorte in den Bergen erlebten eine Traumsaison – wegen des Coronavirus. Am Jahresende wird sich der Geschäftsrückgang wohl auf zehn Prozent reduziert haben. Damit steht Scarpa gut da. Italiens Mode- und Lederwarenbranche brach 2020 ein Drittel des Umsatzes weg.

In der Firma sträubte man sich lange gegen einen Freizeitschuh

Der Bergsportausstatter ist mittlerweile auch abseits der Natur präsent. Als in der City derbe Wanderschuhe plötzlich angesagt waren, machte sich Scarpa auch als Lifestylemarke einen Namen. Hiking Boots gelten ja in Grossstädten längst als stylish. Urban Outdoor nennt man so was. «Die Kunden waren vielleicht einfach der Modeschuhe überdrüssig», sagt Parisotto. Scarpa jedenfalls holte die festen Treter schon 2008 von den Bergen runter und brachte eine leichtere, bequemere Version des Schnürschuhs auf den Markt: den Mojito – den heutigen Bestseller.

Die Entwickler in Asolo hatten sich anfangs gegen das Projekt gesträubt. Gewöhnlich stützen sie sich beim Austüfteln neuer Modelle auf die Erfahrungen der Spitzensportler. Nun sollten sie die Sohle eines Bergwanderschuhs mit dem Schaft eines Schuhs für Kletteranfänger vereinen. Der Kampf im Unternehmen endete erst, als das Lifestylemodell sich völlig unerwartet als Riesenerfolg entpuppte. Auf den exotischen Namen war Miteignerin Cristina Parisotto gekommen. Als sie den fertigen Prototyp sah, sagte sie: «Den Schuh zieht man an, um einen Mojito trinken zu gehen.»

 

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